Psychologische Aspekte
Wettkampfleistung von Spitzengewichthebern und die Besonderheiten ihrer Neurodynamik
Deutsche Zusammenfassung von Tyazhelaya Atletika. Ezhegodnik 1983 (Moskau: Fizkultura i Sport, 1983), S. 43–47: der Text ist eine Paraphrase, keine Übersetzung; Datentabellen sind vollständig mit deutschen Beschriftungen wiedergegeben.
Ziel und Methodik
- Ziel: das Verhalten der Heber im Wettkampf mit der Typologie des Nervensystems und mit psychomotorischen Merkmalen in Beziehung zu setzen. Frühere Arbeiten (W. D. Nebylizyn 1966; O. A. Sirotin und Ju. A. Chudadow 1971; A. N. Worobjow, W. A. Poljakow und W. M. Russalow 1977) verbanden diese Merkmale mit der emotionalen Stabilität unter Belastung.
- Probanden: 63 Heber aus den Sportvereinigungen der Gewerkschaften, 18–27 Jahre alt, von der 1. Leistungsklasse bis zum Meister des Sports. Sie wurden 1.5 Jahre lang beobachtet.
- Im Wettkampf erfasst:
- Wettkampfergebnis vs. Trainingsergebnis;
- vorheriges Ergebnis vs. das für den nächsten Wettkampf geplante Ergebnis;
- vorheriges Ergebnis vs. das nächste Anfangsgewicht;
- erreichtes vs. geplantes Ergebnis;
- Aufwärmsätze und -hebungen;
- gelungene Versuche, nach Bedeutung des Wettkampfs;
- die Größe der ersten Gewichtssteigerung.
- Merkmale:
- Typologie nach E. P. Iljin (1972): Stärke des Nervensystems bezüglich der Erregung, Beweglichkeit der Erregung und der Hemmung sowie äußere und innere Balance;
- psychomotorische Merkmale nach Mira y López (1958): Tonus, Extra-/Introversion, Aggressivität, emotionale Labilität und Ängstlichkeit.
Ergebnisse
- Übereinstimmung mit den Trainingsergebnissen:
- Heber, die im Wettkampf ihre Trainingsergebnisse übertrafen, hatten einen hohen psychomotorischen Tonus und eine hohe Labilität, eine wenig bewegliche Erregung sowie ein Überwiegen der Erregung oder Ausgeglichenheit in der äußeren Balance.
- Wer dahinter zurückblieb, hatte einen niedrigen Tonus und eine geringe Labilität (p < 0.05), eine träge Hemmung und Ausgeglichenheit in beiden Balancen.
- Planung: Heber mit starkem Nervensystem sowie träger Erregung und Hemmung planten höhere Ergebnisse. Heber mit beweglicher Erregung planten niedrigere. Die psychomotorischen Merkmale ergaben keine signifikanten Unterschiede.
- Anfangsgewicht:
- Höhere Anfangsgewichte gingen mit niedrigem Tonus, geringer Aggressivität und Labilität, höherer Ängstlichkeit, überwiegender Hemmung und träger Hemmung einher.
- Niedrigere Anfangsgewichte gingen mit hohem Tonus, hoher Aggressivität und Labilität, geringer Ängstlichkeit, starkem Nervensystem, Ausgeglichenheit in der äußeren Balance und überwiegender Erregung in der inneren Balance einher.
Tabelle 1. Wettkampfverhalten der Gewichtheber in Abhängigkeit von psychomotorischen Persönlichkeitsmerkmalen (% der Fälle)
| Psychomotorisches Merkmal | Wettkampf- vs. Trainingsergebnis | Vorheriges Wettkampfergebnis vs. das für den nächsten geplante Ergebnis | Vorheriges Wettkampfergebnis vs. Anfangsgewicht im nächsten | Erreichtes vs. geplantes Ergebnis | ||||
| Wettkampfergebnis höher als Trainingsergebnis | Wettkampfergebnis niedriger als Trainingsergebnis | geplantes Ergebnis höher als Wettkampfergebnis | geplantes Ergebnis niedriger als Wettkampfergebnis | Anfangsgewicht höher als Wettkampfergebnis | Anfangsgewicht niedriger als Wettkampfergebnis | Plan erfüllt | Plan nicht erfüllt | |
| Psychomotorischer Tonus | 56 | 70 | 67 | 65 | 60 | 69 | 71 | 62 |
| Extra-/Introversion | 44 | 47 | 46 | 44 | 47 | 45 | 48 | 48 |
| Aggressivität | 47 | 47 | 47 | 48 | 43 | 49 | 51 | 45 |
| Emotionale Labilität | 59 | 65 | 62 | 63 | 61 | 66 | 66 | 61 |
| Ängstlichkeit | 41 | 44 | 45 | 43 | 50 | 24 | 44 | 46 |
Zahlen wie gedruckt. Die Werte für psychomotorischen Tonus und Labilität in den ersten beiden Spalten verlaufen entgegengesetzt zur Beschreibung im Text (höher in der Gruppe mit dem niedrigeren Wettkampfergebnis), sodass eine Spaltenvertauschung im Original nicht auszuschließen ist.
Tabelle 2. Wettkampfverhalten der Gewichtheber in Abhängigkeit von typologischen Merkmalen des Nervensystems (% der Fälle)
| Eigenschaft des Nervensystems | Ausprägung | Wettkampf- vs. Trainingsergebnis | Vorheriges Wettkampfergebnis vs. das für den nächsten geplante Ergebnis | Vorheriges Wettkampfergebnis vs. Anfangsgewicht im nächsten | Erreichtes vs. geplantes Ergebnis | ||||
| Wettkampf höher als Training | Wettkampf niedriger als Training | geplant höher als Wettkampf | geplant niedriger als Wettkampf | Anfangsgewicht höher als Wettkampf | Anfangsgewicht niedriger als Wettkampf | Plan erfüllt | Plan nicht erfüllt | ||
| Stärke des Nervensystems | Hoch | 58 | 41 | 68 | 50 | 43 | 60 | 50 | 64 |
| Niedrig | 42 | 59 | 32 | 50 | 57 | 40 | 45 | 36 | |
| Beweglichkeit der Erregung | Hoch | 33 | 50 | 19 | 81 | 50 | 35 | 63 | 46 |
| Niedrig | 67 | 50 | 81 | 29 | 60 | 65 | 37 | 54 | |
| Beweglichkeit der Hemmung | Hoch | 50 | 25 | 16 | 43 | 24 | 37 | 50 | 22 |
| Niedrig | 50 | 75 | 84 | 57 | 76 | 63 | 50 | 78 | |
| Äußere Balance von Erregung und Hemmung | Erregung überwiegt | 33 | — | 17 | 12 | 28 | 11 | 23 | 18 |
| Ausgeglichen | 33 | 57 | 33 | 55 | — | 56 | 33 | — | |
| Hemmung überwiegt | 34 | 43 | 50 | 33 | 72 | 33 | 44 | 82 | |
| Innere Balance von Erregung und Hemmung | Erregung überwiegt | 50 | 29 | 33 | 50 | — | 50 | 57 | — |
| Ausgeglichen | 50 | 57 | 50 | 50 | 50 | 50 | 43 | 60 | |
| Hemmung überwiegt | — | 14 | 17 | — | 50 | — | — | 40 | |
Zahlen wie gedruckt. Einige Paare aus Hoch und Niedrig ergeben nicht 100 (Beweglichkeit der Erregung: 81 + 29 und 50 + 60; Stärke: 50 + 45), was auf Druckfehler im Original hindeutet, die sich nicht sicher korrigieren lassen.
- Aufwärmen:
- Typisch sind 6–8 Sätze und 10–15 Hebungen vor dem Reißen, 5–7 Sätze und 9–12 Hebungen vor dem Stoßen.
- Heber mit geringer Aggressivität, ausgeprägter Extra-/Introversion und träger Hemmung absolvieren mehr Sätze im Reißen.
- Heber mit träger Hemmung führen mehr Hebungen aus, Heber mit hohem Tonus mehr Hebungen im Stoßen (beides p < 0.05).
- Produktivität der Versuche (p < 0.05):
- Bei weniger bedeutenden Wettkämpfen waren Heber mit schwachem Nervensystem und hohem Tonus am produktivsten.
- Bei bedeutenden Wettkämpfen waren es Heber mit hohen Extra-/Introversionswerten und geringer Labilität.
- Mit wachsender Bedeutung des Wettkampfs sinkt die Produktivität, am stärksten bei schwachem Nervensystem, träger Erregung, überwiegender Hemmung in der äußeren Balance, hohem Tonus und hoher Ängstlichkeit. Bei bedeutenden Wettkämpfen unterscheiden sich diese Gruppen nicht mehr signifikant.
- Erste Gewichtssteigerung: größere Steigerungen bei schwachem Nervensystem (nur im Reißen) sowie bei träger Erregung oder geringer Aggressivität (beide Übungen, p < 0.05).
Tabelle 3. Produktivität der Wettkampfversuche in Abhängigkeit von den Persönlichkeitsmerkmalen der Heber
| Rang des Wettkampfs | Stärke des Nervensystems (Erregung) | Beweglichkeit der Erregung | Äußere Balance von Erregung und Hemmung | Psychomotorischer Tonus | Ängstlichkeit | |||||
| hoch | niedrig | hoch | niedrig | Erregung überwiegt | Hemmung überwiegt | hoch | niedrig | hoch | niedrig | |
| Weniger bedeutend | 3.8 | 4.3 | 4.1 | 4.2 | 4.0 | 4.2 | 4.4 | 3.9 | 4.0 | 4.4 |
| Bedeutend | 3.9 | 3.6 | 3.8 | 3.6 | 3.8 | 3.6 | 3.5 | 3.9 | 3.7 | 3.6 |
Die Werte sind vermutlich die mittlere Anzahl gelungener Versuche von sechs. Der Text führt den stärksten Rückgang auf hohe Ängstlichkeit zurück, die gedruckten Spalten zeigen den größeren Rückgang jedoch bei „niedriger“ Ängstlichkeit, sodass die beiden Ängstlichkeitsspalten im Original vertauscht sein könnten.
Interpretation und Schlussfolgerungen
- Günstige Merkmale:
- bewegliche Erregung — Entschlusskraft und realistische Selbsteinschätzung (I. P. Petjaikin 1975; N. E. Wyssozkaja 1975);
- mitunter träge Erregung — Beharrlichkeit (M. I. Iljina 1975);
- Überwiegen der Erregung in der äußeren Balance — Mut (N. D. Skrjabin 1972), verbunden mit Aggressivität (W. A. Salnikow 1980);
- ausgeglichene Prozesse — Konzentrationsfähigkeit;
- Überwiegen der Erregung in der inneren Balance — motorische Aktivität (E. P. Iljin 1974);
- hoher psychomotorischer Tonus — Beherrschung der Technik unter Belastung und Selbstvertrauen;
- hohe Aggressivität.
- Weniger günstige Merkmale:
- starkes Nervensystem — Risikobereitschaft und zu ehrgeizige Pläne, die häufig scheitern;
- träge Hemmung — Teil des Komplexes der „Zaghaftigkeit“ (Iljin 1976);
- überwiegende Hemmung — Unentschlossenheit;
- niedriger Tonus — kompensiert durch ein zu hohes Anfangsgewicht;
- geringe Aggressivität.
- Die Merkmale können einander kompensieren (W. W. Belous 1981). Die Kenntnis des individuellen Profils hilft dem Trainer, die Vorbereitung und die Versuchsplanung des Hebers zu gestalten.